Ein aussergewöhnlicher Alltagsgegenstand
Anne-Marie Burnier-Bernini wird 1944 in Calestano in der Gegend von Parma geboren. Da ihre Mutter seit 1947 in Saxon arbeitet, verbringt sie hier ihre ersten sieben Lebensjahre und absolviert dann die gesamte Schulzeit in Italien. Alter von 21 Jahren kehrt sie zu ihrer Mutter nach Saxon zurück. 1968 verheiratet sie sich mit Edmond Burnier. Heute erfreut sie sich an ihren drei Grosskindern und zeigt ihrem Enkel Allan und uns einen alltäglichen Gegenstand, den ihr Grossvater hergestellt hatte.
„Denken Sie mal, was dieser Gegenstand für einen Weg hinter sich hat: Er kommt aus Amerika, er stammt von einem amerikanischen Flugzeug. Es war kein Kriegsflugzeug, sondern ein Überwachungsflieger mit einer einzigen Person an Bord, dem Piloten. Es überflog das nördliche Italien, den Apennin. Ich denke, der Flieger hatte ein Motorenproblem, er stürzte ab, das war im Mai 1942. Natürlich befand sich Italien mitten im Krieg. Wir wohnten nicht weit weg vom Ort, wo der Flieger abstürzte. Es fehlte uns damals an allem; man kann sich das etwa vorstellen wie heute vielleicht in Afrika. Wir hatten zwar ein paar Haustiere, doch das war’s schon. Mein Grossvater, Sincero Bernini, war ein recht erfinderischer Mann und sagte zu seinen Kindern: ‘Hört mal, da gehen wir hin und schauen, ob man etwas gebrauchen kann von diesem Flieger.’ Grossmutter und Mutter versuchten es ihm auszureden, denn die Deutschen Truppen waren in der Umgebung. Grossvater kannte keine Angst und machte sich mit seinen drei Kindern, darunter mein Vater, auf den Weg. Sie kamen zum Absturzort und sahen selbst den Piloten, der noch an seinem Platz war. Sie versicherten sich, dass keine Deutsche herum waren. Dann demontierten sie Stücke vom Rumpf des Fliegers und behändigten die Aluminiumteile, packten sie auf den Rücken und liefen damit nach Hause. Grossvater war recht begabt und stellte alle möglichen Dinge daraus her: Deckel, Kellen, Löffel, Gabeln. Nach Grossmutters Tod habe ich dann diesen Deckel aufbewahrt. Unsere Familie existiert nicht mehr, sie kamen alle um im Krieg. Es ist der einzige Gegenstand, der uns von meiner Familie bleibt.“
- Was geschah mit ihrer Familie?
„Sie wurden von Deutschen ermordet. Grossvater Sincero war 45-jährig. Er war beim Widerstand und wusste schon, dass er was riskiert. Mein Vater, Remo, wurde 1920 geboren, er war 24-jährig, und die beiden Onkel, Ugo 22 und Walter erst 15. Das war am 7. Dezember 1944. Zuerst steckten sie sie einige Tage ins Gefängnis, folterten sie, holten sie dann, liessen sie ihre Gräber schaufeln und haben sie exekutiert. “
- Kehrten Sie dennoch von Zeit zu Zeit nach Italien zurück?
„Ja, häufig. Mit den Kindern waren wir in Italien und jetzt sagte mir mein Sohn letzthin, er wolle dorthin reisen und seinen Kindern alles zeigen. Man soll es ihnen erzählen. Es soll nicht vergessen gehen.
Ja, das ist die Geschichte mit diesem Deckel. Wert hat er keinen, aber einen Erinnerungswert. Mein Mann und ich, wir haben so viel gesammelt, doch eines guten Tages, sofern sich niemand dafür interessiert, wird alles geschmissen. Darum sagten wir uns: ‚Wir geben den Deckel ins Museum von Saxon. Dort wird er bleiben.’ “
Edmond und Anne-Marie Burnier-Bernini mit ihrem Grosskind Allan.
Interview: Mélanie Duc, 2009.
Fotos: Werner Bellwald, 2009.



